Alle Jahre wieder…

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber seit sechs Wochen könnte ich im Stehen einschlafen. Nachdem ich kurz besorgt war, ich könnte einer schweren Krankheit erlegen sein (normalen Schnupfen halte ich grundsätzlich für ausgeschlossen, zu wenig „on the edge“, zu wenig Drama!), fiel mir jetzt auf, dass ich letztes Jahr zur selben Zeit auch unter dieser erschlagenenden Müdigkeit litt und das Jahr davor auch. Dank meiner Herzensfreundin Sigi führe ich ein 10-Jahre-Tagebuch, in dem jeder Tag des Jahres in zehn Zeilen untereinander steht und ich so täglich lese, was ich genau an diesem Tag vor einem, zwei und so weiter Jahren dachte und fühlte. Plötzlich werden Muster erkennbar, die man sonst vergessen würde. Weiterlesen „Alle Jahre wieder…“

Tag 3 – a page a day

Später, als Inra neben Mark im Bett liegt, kreisen ihre Gedanken noch immer um den Tod. Mark, der dies nicht weiß, lässt seine Hand zu ihrem Bauch wandern und dreht dort mit Zeige- und Mittelfinger kleine Kreise. Mark, lebendig. Eindeutige Merkmale: Warme Hauttemperatur (das Blut zirkuliert also), Bewegung (wobei das auch Nerven-Reflexe sein könnten – siehe Hühner, die trotz abgeschlagener Köpfe fliegen), und haptische Wahrnehmung (zieht Inra den Bauch ein, hält Mikes Hand kurz inne, um zu erfassen, ob dies Ausdruck von Unwillen sein könnte). Marks Wahrnehmung gibt ihm das Signal, dass seine Fingerkreise erwünscht sind, feststellbar daran, dass er sogleich den Kreis des Ertastens erweitert. Mittel- und Zeigefinger fahren mit leichtem Druck südwärts, entdecken mühelos was sie suchen und verharrt dort. Weiterlesen „Tag 3 – a page a day“

Tag 2

In ihrer kleinen Stadtwohnung schleudert Inra ihre Schuhe von den Füßen, geht auf Strümpfen weiter in die Küche, holt eine Tüte Orangensaft aus dem Kühlschrank, den sie offen stehen lässt, hockt sich aus der Packung trinkend vor den alten Sekretär, den Mark auf dem Sperrmüll gefunden und im Keller restauriert hat, und holt einen dicken LEITZ-Ordner heraus, den sie seit fünfzehn Jahren nicht mehr zur Hand genommen. Abgesehen von Aufräumaktionen vielleicht. Ein zerfledderter Aufkleber haftet noch mühevoll an der Seite und trägt die mit Edding geschriebene Aufschrift: Dissertation. Mit Ordner und Safttüte kehrt Inra in die Küche zurück, kickt mit einem Ellbogen die Kühlschranktür zu und setzt sich an den Tisch, den Ordner ungeöffnet vor sich. Sie atmet ein, atmet aus, trinkt noch einen Schluck. Schlägt die Klappe des Ordners auf, starrt auf das Deckblatt. Weiterlesen „Tag 2“