Teil 2: my own limitations

Ich hatte heute einen Aha-Moment. Vielen Dank auch an meine Freundin Gabi und unseren manchmal wirklich sehr erhellenden Morgen-Hunde-Runden!

Aber von Anfang an. Momentan arbeite ich in meiner Funktion als Hörfilm-Autorin an der Audiodeskription eines Films, der 1978/79 spielt und als Grundthema fehlende Lohngleichheit zwischen Frauen und Männern hat. Ein toller Film mit einem klasse Drehbuch und fantastischen Schauspielern/innen. Ein Film, der mich auf vielen Ebenen packt (bin ich doch auch ein Kind der 70 iger / 80 iger Jahre), und der einem schmerzlich bewusst macht, dass das, was wir als Gleichberechtigung empfinden, noch sehr jung ist und das Ziel – hundertprozentige Gleichstellung von Mann und Frau – noch nicht erreicht. Und heute Morgen, bei der Gassirunde, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Was, wenn das, was ich im letzten Beitrag „my own limitations“ nannte, gar nicht „my own limitations“ sind, sondern vielmehr gesellschaftliche? Ist es vielleicht so, dass wir tief in uns drinnen glauben, dass es für eine Frau nicht angemessen ist, durch Arbeit reich zu werden? Bis 1975 brauchte eine Frau noch die Unterschriftserlaubnis ihres Ehemannes, um überhaupt arbeiten zu dürfen. Das war nicht im Mittelalter, sondern die Realität vieler unserer Mütter. Wie viele Frauen kann ich aufzählen, die aus eigener Kraft reich geworden sind? Wie viele Unternehmerinnen kenne ich? Bei meiner Auflistung der Frauen, die durch Arbeit reich geworden sind, fielen mir folgende Namen spontan ein: Coco Chanel, J. K. Rowling, Elisabeth Gilbert, Edith Piaf, Ophra Winfrey, Rita Falk, Madonna – natürlich sämtliche Pop- und Filmstars (Letztere verdienen durch die Reihe weniger als Männer mit vergleichbaren Publikumserfolg) – also alles Frauen aus kreativen Berufen. Um reiche Top-Unternehmerinnen zu finden musste ich googeln. Eine Spiegel-Online-Ausgabe von 2017 listete die 11 erfolgreichsten Unternehmerinnen auf, davon sind sieben entweder durch Ehe oder Erbe an die Firmenspitze gekommen. Nicht missverstehen, um so etwas zu wuppen, muss man super intelligent, ehrgeizig und zielstrebig sein. Die Frage besteht einzig und alleine für mich darin, ob im kollektiven Bewusstsein so etwas wie ein „bä-bä“ auftaucht, wenn eine Frau Reichtum durch Arbeit erlangt. Und ob dies nicht unbewusst so viele von uns daran hindert unsere Arbeit wertzuschätzen. In Form von Geld. Denn wer will schon „bä-bä“ sein? Komischerweise fühle ich mich seit dem Gedanken befreit. Weil es heißt, dass es veränderbar ist. Weil wir mitten in einer neuen Welle der Emanzipation stecken, die an allen Ecken und Enden hoch schwappt. Frauen haben genug davon, die zweite Geige zu spielen. Sie wollen starke Kerle an ihrer Seite, mit denen sie sich positiv messen können. Gleichheit für alle. Auf Augenhöhe sein. Alles dürfen nichts müssen. Ohne Bä und Aber.

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My own limitations

Seit der Veröffentlichung meines Buches habe ich das Bedürfnis mich der Socialmedia Welt nur happy-preppy zu präsentieren. Bloß keine Schwäche zeigen, nicht zugeben, dass man morgens, mittags, abends Verkaufzahlen checkt und dann frustriert in die Tischkante beißt. Oder ein Rad schlägt, weil 1000 Seiten in der Online-Ausleihe gelesen wurden. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, denn ich habe mich gar nicht getraut, etwas zu erwarten. Ich wollte Lob, aber Geld – pfui deibel! – darum geht es hier gefälligst nicht! Lob bekomme ich, offenbar funktioniert hier das „Law of attraction“ ganz ausgezeichnet (und bitte jetzt nicht rückgängig machen, liebes Universum!!!). Aber Geld verdienen muss wehtun. Extrem anstrengend oder herausfordernd – auf jeden Fall irgendwie hart sein – man muss doch gefälligst spürbar etwas geleistet haben und nicht nur so neben dem Job und der Familie und dem Leben noch ein Buch schreiben und dann auch noch Geld dafür wollen. Bitte, wo kommen wir denn da hin! Nein, da habe ich mich ganz brav hinerzogen, dass bei mir nur der Schweiß auf meiner Stirn mit einem Cent pro Tropfen vergütet wird und sonst nix! Aber das da draußen in der Selfie-Welt, dem Nabelschau-Universum zugeben? Dabei finde ich Abziehbilder selber langweilig. Mag Ecken und Kanten, schräge Vögel, Eso-Eulen, Sucher und Finder, Stolperer und über-sich-selbst-Lacher. Steh-auf Männchen und Weibchen, die sich den Staub aus dem Gesicht wischen und mit Kriegsgebrüll ins nächste Projekt stürzen, sei es Häusle bauen, oder Firma gründen. Und ich weiß, dass das alles eine Frage des Glaubens ist: denke ich, dass der Champignon doch ein Knollenblätterpilz war, wird mir kotzübel und ich sehe grüne Kringel. Genauso kann ich Berge versetzen, wenn ich es denn nur für möglich halte. It’s all a question of my own limitations. Aber die haben leider auch eine lange Historie. Und dann fiel mir ein, dass es nur einen Weg raus gibt aus der Gedanken-Autobahn: kreativ sein. Kann alles sein, wobei ich ganz sicher nicht alles kann; Malen, singen, tanzen, schreiben, aus Müll Skulpturen bauen. Ich bleib beim Schreiben für heute. No limitations hier. Mein Wort, meine Gedanken, alles erlaubt, muss nicht glänzen. Schon spüre ich ein Lüftchen um die Nase. No limitations, nichts wollen. Und da grinst sie mich von der Seite an: Freiheit. Puh, wie gut, dass es das gibt.

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Zwischen hier und da

Seit ich wieder probe, komme ich weniger zum bloggen. Tatenlos bin ich dennoch nicht. In Lichtgeschwindigkeit rase ich auf den 15. September zu, dem Tag der Buchveröffentlichung, der eine Reise von drei Jahren markieren wird und natürlich trotzdem auch »nur« ein Anfang ist. Der Anfang einer Trilogie z. B., die Geburt, wenn man so will, von etwas das ich noch nicht in Zeiträume fassen kann. Um diesen Tag dreht sich neben den Proben gerade alles. Heute saß ich mit einer wunderbaren Person zusammen, die mir hilft Struktur in die verworrenen Fäden zu bringen. Und je länger wir sprachen, umso mehr kristallisierte sich heraus, wonach ich eigentlich strebe, als Mensch, aber auch als Autorin und Schauspielerin, eigentlich in allen meinen Arbeiten: Wahrhaftigkeit. Ich ertappe mich gerade oft dabei, wie ich sie zu verlieren drohe, z. B. durch Eitelkeiten, wenn ich mir überlege, wie ich mich in der Social Media Welt präsentieren soll/kann/will. Es ist okay eitel zu sein, aber es ist nicht okay sich dahinter zu verstecken, weil man Angst hat, dass das ungeschönte Selbst nicht wertvoll genug ist. Ich möchte echt sein. Ich möchte echten Kontakt mit echten Menschen. On- und offline. Mit meiner Arbeit und in meinem Leben. Und wahrscheinlich werde ich mich noch oft manipulieren und immer wieder Schiss haben. Aber ich nehme es mir vor und starte jetzt. Genau jetzt!

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Glück

Die letzten Meter sind wie ein Wettlauf gegen mich selbst. Auftrag zu Ende texten, Recherche vorantreiben, Korrekturen vornehmen, TEXT LERNEN (!), Haus in einen lebbaren Zustand zurückversetzen. Morgen geht’s los. Habe Wochen darauf hingefiebert, dem Ausbruch aus der Routine, einen Monat nichts anderes tun, als proben. Die Kinder, die Tiere und den Haushalt verschweige ich mir selbst gegenüber, das soll jetzt bitte nicht stören in meiner Vision von Freiheit und Selbstbestimmtheit. Früher hätte ich gemordet für ein gut bezahltes Engagement, heute bin ich nur noch damit beschäftigt, es irgendwie in mein Leben hineinzuquetschen. Gleichmut ist irgendwie nicht meins, trotz Yoga und Selbsthypnose. Ach ja, da wollte ich ja auch noch ein paar Bücher … Doch diese kleinen Momente, die ich mir aus meinem engen Zeitkontingent klaue, der kurze Blick zum blauen Himmel, da über meinem Garten; die zwei Minuten Katzen / Hunde / Hasen kraulen; die Lücke hier etwas reinzuschreiben- und sei es nur, um mich wieder im Augenblick zu verankern – die machen glücklich. Solange ich das noch spüre, ist der ein oder andere Sprint vielleicht auch gar nicht so schlimm.

 

 

Alte Heimat

Windig und ein bisschen wild, frisch und grün. Die Sonne steht höher. Die Luft riecht anders.  Der Slang, vertraut, als wäre ich immer hier. Steckt alles in mir drin, verpackt in Kisten der Erinnerung, die aufpoppen, sobald ich in den Norden komme, und sich schließen, wenn ich ihm den Rücken kehre. Weiterlesen „Alte Heimat“

Kroatien, 1

Ich fahre in den Urlaub, um zu schreiben. Meine Herzensfreundin S. regte an, ich könne doch auch mal nix tun, aber der einzige Sinn an den Strand zu gehen besteht für mich darin, endlich meine Ruhe zu haben. Nicht, das ich das türkisfarbene Meer und die Sonne verschmähen würde, aber während der Rest der Familie herum schnorchelt, oder auf Luftmatratzen dahintreibt, hocke ich in merkwürdigen Positionen im Schatten – Po in der Luft, Kopf über das Heft gebeugt; mit angezogenen Knien, das Heft auf den Oberschenkeln balancierend; verknotet vor der Kühlbox, die als Tisch dient – es ist sau-unbequem, macht aber glücklich. Weiterlesen „Kroatien, 1“

A page a day, Part 4

Als Inra später bei Mark im Arm liegt, ein Ritual, dass sie sich über die Jahre bewahrt haben, fühlt sie sich schuldig. Ihr scheint es, als verzichte er auf so viel und sie auf gar nichts. Fünfzehn Jahre sind sie nun ein Paar und Mark war immer für sie da. Hat sie aufgefangen nach dem Tod ihrer Eltern, hat sich nie gehen lassen und sieht immer noch gut aus mit seinem wuscheligen braunen Lockenkopf und auch das bisschen mehr Gewicht steht ihm gut. Schnarcht nicht, sowie andere Männer in seinem Alter, hat sie nie betrogen. Glaubt sie zumindest. Während sie erst ein Jahr getrauert, dann ein Jahr herumgereist ist, ewig keine Aufgabe und keinen Job fand, ihm keine Kinder schenkte. Und nun ist es zu spät. Welche vernünftige Frau wird mit fünfundvierzig schwanger? Weiterlesen „A page a day, Part 4“

Alle Jahre wieder…

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber seit sechs Wochen könnte ich im Stehen einschlafen. Nachdem ich kurz besorgt war, ich könnte einer schweren Krankheit erlegen sein (normalen Schnupfen halte ich grundsätzlich für ausgeschlossen, zu wenig „on the edge“, zu wenig Drama!), fiel mir jetzt auf, dass ich letztes Jahr zur selben Zeit auch unter dieser erschlagenenden Müdigkeit litt und das Jahr davor auch. Dank meiner Herzensfreundin Sigi führe ich ein 10-Jahre-Tagebuch, in dem jeder Tag des Jahres in zehn Zeilen untereinander steht und ich so täglich lese, was ich genau an diesem Tag vor einem, zwei und so weiter Jahren dachte und fühlte. Plötzlich werden Muster erkennbar, die man sonst vergessen würde. Weiterlesen „Alle Jahre wieder…“

Ne Seite pro Tag, oder auch alle zwei

Gar nicht so einfach, mit „A page a day“, irgendwie grätscht mir das Leben immer dazwischen. Dennoch ist es eine Herausforderung, die ich soweit wie möglich über den Sommer beibehalten will – eine Möglichkeit den inneren Kritiker mal auf die Ersatzbank zu schicken. Die tägliche Seite ist unzensiert und unüberarbeitet, dafür ohne Druck und ohne Perfektionsanspruch. (Den ich sowieso für überbewertet halte. Perfektion gibt’s nicht.)

Und dabei heraus kommt dann so etwas:

Ein greller Strahl von Sonnelicht
der Morgen hier, der Frühling nicht
zu kalt, zu hell, zu wenig Blüten
die Füße kalt, das Herz am wüten

Doch hab Geduld, dort kommt er schon
der Spring award, der Sonnensohn
trägt dich davon mit seiner Laune
fegt aus dem Kopf das dunkle Geraune

Jetzt bist du hell,
kannst dich nicht wehr’n
schlägst mit den Flügeln
und das zu gern.

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Tag 3 – a page a day

Später, als Inra neben Mark im Bett liegt, kreisen ihre Gedanken noch immer um den Tod. Mark, der dies nicht weiß, lässt seine Hand zu ihrem Bauch wandern und dreht dort mit Zeige- und Mittelfinger kleine Kreise. Mark, lebendig. Eindeutige Merkmale: Warme Hauttemperatur (das Blut zirkuliert also), Bewegung (wobei das auch Nerven-Reflexe sein könnten – siehe Hühner, die trotz abgeschlagener Köpfe fliegen), und haptische Wahrnehmung (zieht Inra den Bauch ein, hält Mikes Hand kurz inne, um zu erfassen, ob dies Ausdruck von Unwillen sein könnte). Marks Wahrnehmung gibt ihm das Signal, dass seine Fingerkreise erwünscht sind, feststellbar daran, dass er sogleich den Kreis des Ertastens erweitert. Mittel- und Zeigefinger fahren mit leichtem Druck südwärts, entdecken mühelos was sie suchen und verharrt dort. Weiterlesen „Tag 3 – a page a day“