Du siehst mich nicht

Du siehst mich nicht. 

Du siehst mich nicht, schaust durch mich durch. 

An mir vorbei, zu deinen Füße. 

Du fühlst mich nicht. 

Riechst mich nur. 

Auch dafür gibt es Gründe. 

Du magst den Geruch nicht, er ekelt dich an.  

Mich nicht.  

Sehe es an deinen zusammengekniffenen Lippen,  

und den heruntergezogenen Mundwinkeln. 

Ich riech mich schon lange nicht mehr. 

Das ist Schutz. 

Ein Schutzmechanismus. 

Der Mechanismus, um mich selbst zu ertragen. 

Muss es sein. 

Wie sonst kann man seinen eigenen Geruch vergessen? 

Du siehst mich nicht.  

Willst mich nicht sehen. 

Nicht mich und auch nichts anderes Schlechtes. 

Deine Gedanken – nicht meine. 

Du siehst mich nicht.  

Tust so, als sei ich nicht da.  

Hörst mich nicht. 

Auch wenn ich spreche. 

Geht in dein Ohr, ohne das Gehirn zu treffen. 

Oder das Herz. 

Du willst das so. 

Ich sehe dich. 

Sehe euch alle. 

Die Logos, die Markennamen, die sattroten vom Wind gekühlten Gesichter, 

hinter dicken Schals, 

unter warmen Mützen.  

Vor dem Kaffee. 

Nach dem shoppen. 

Sehe euch vor den Kaminen, 

den Fernsehern, 

in warmen Betten,  

Restaurants, 

ohne dabei zu sein. 

Sehe das alles, wie im Film. 

Vor meinem geistigen Auge. 

Komme auch drin vor. 

Manchmal. 

In inniger Umarmung, 

beim Kuscheln, 

beim Sex. 

Wenn ich nicht aufpasse, fasse ich mich an. 

Das ekelt dich. 

Und alle anderen. 

Obwohl du die gleichen Gefühle kennst. 

Nur anders. 

Verstohlen stehe ich hinter Häuserecken, 

geparkten Autos, 

Baumstämmen. 

Wenn ich Pech hab’, werde ich festgenommen. 

Oder Glück. 

In der Zelle gibt’s Pritschen, 

und kratzige Wolldecke. 

Eine hab‘ ich noch. Die wärmt mich des Nachts. 

Du siehst mich nicht. 

Aber glaubst alles über mich zu wissen. 

Dass ich schwach bin, 

selber Schuld. 

Eh nur alles in Alk und Drogen stecke. 

Tu ich auch.  

Um dies hier zu ertragen. 

Du denkst, es wäre anders, 

nähme ich das Obst, dass ich beim Roten Kreuz doch bekomme. 

Täte ich arbeiten, 

hätte die Schule beendet. 

Denkst, so wäre alles paletti. 

Ja, ich bin schwach.  

Schaffe es nicht raus aus dem Loch. 

Habe nicht die Kraft mich zu wehren. 

Versenke mein Gehirn in Schnaps. 

Aber das ist nur die halbe Wahrheit. 

Du siehst mich nicht. 

Nicht die Leere meiner Kindheit. 

Die Angst vor den Noten, 

das Gesicht meines Vaters, 

als er ging. 

Das Schwimmen unter Wasser, 

das Tauchen nach dem Glück, 

das Erwachen mit dem Kater. 

Wurde erfasst von einem Strudel,  

aus dem ich kein Entrinnen fand. 

Kein guter Anfang, 

kein guter Weg.  

Eine Entschuldigung? 

Eine Sinnsuche. 

Was bringt einen zum Kämpfen, 

den anderen zum Scheitern? 

Warum entspringt aus gleicher Geschichte

Helden, wie Looser? 

Läuft einer dem Lichtstrahl nach, der andere dem Schatten? 

Auch ich sah den Strahl.  

Lief hinterher. 

Es sah so gut aus. 

Eine Zeitlang. 

Doch fehlte die Substanz. 

Sie ging. 

Es ging. 

Der Job ging. 

Ich ging vom Job. 

Wurde gegangen. 

Irrelevant. 

Was blieb, war das Auto. 

Eine Zeitlang. 

Eine Entschuldigung? 

Eine Sinnsuche. 

Du siehst mich nicht. 

Nur das Klischee. Und auch das, ungerne. 

Schaust direkt an mir vorbei, 

oder hindurch. 

Als sei ich unsichtbar, 

wie Harry Potter in seinem Zauberumhang. 

Nur meiner schützt mich nicht. 

Du ekelst dich. 

Vor meinem Parka, 

der drecksteifen Hose, 

dem zerschlissenen Wollpullover. 

Ich mich auch.  

Bin raus aus dem Gesellschaftsspiel. 

War nie wirklich drin. 

Zuerst sogar erleichtert.  

Fast. 

Endlich frei, 

von allen Erwartungen.

Die letzte Stufe des Scheiterns war erreicht. 

Du siehst mich nicht. 

Wie die Freiheit schal wurde, 

und durch Scham ersetzt. 

Wie ich friere im Winter, 

Hunger habe in der Nacht. 

Sehnsucht spüre, 

wenn ich es zulasse. 

Wie schön es ist, bedröhnt zu sein und zu vergessen. 

Mich und die Welt. 

Mein Pullover sieht aus, 

wie das Netz, durch das ich hindurchfiel. 

Das jeden schützen soll. 

Es darf nicht sein, 

sagst du. 

Niemand verhungert in Deutschland. 

Und wer trotzdem fällt, 

den trifft Verachtung. 

Im schlimmsten Fall Mitleid. 

An Weihnachten. 

Du fühlst mich nicht. 

Siehst mich nicht. 

Riechst mich nur. 

Das ekelt dich an. 

Verstehst nicht, 

warum ich lieber Draußen als Drinnen bin, 

in diesem Zustand. 

Wie es ist, niemals dazuzugehören. 

Unsicher zu sein. 

Voller Angst, 

überfallen,  

oder gar getötet zu werden, 

von denen, 

die zu voll sind des Guten. 

Du siehst mich nicht. 

Aber ich, sehe dich. 

Und alle anderen. 

Du siehst mich nicht.jpg

Bild von StockSnap; Pixabay

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