Chiemgauer Kulturtage 2018

19 Mitglieder des Vereins Chiemgau-Autoren e. V. haben eine Geschichtenkette geschrieben – jede Geschichte schließt an den letzten Satz der vorigen Geschichte an, ohne dass den Schreibenden der Inhalt des Textes bekannt war. Thema aller Geschichten ist „Kollaps“.

Dies ist mein Beitrag der Geschichtenkette:

„Was hätte sie bloß mit meiner Leiche gemacht?“, war sein letzter Gedanke, bevor er bewusstlos wurde. Dann kam Schwärze, so dunkel und unbegreiflich, als ob die Welt stehen geblieben wäre. So leer, wie er sich das „Nichts“ aus der „Unendlichen Geschichte“ vorstellte, die ihm seine Mutter vor vielen Jahren vorlas. Doch daran würde er sich nicht mehr erinnern. Genauso wenig wie an das Gemälde, das er einst aus Gummibärchen zusammenklebte und für viel zu wenig Geld verkaufte, oder an den Vorgang, der ihn in diesen unbegreiflichen Zustand katapultierte. Das große Nichts nahm seinen Geist in Gewahrsam und legte seinen Körper lahm.

Während er sich im großen Nichts befand, wuselten das Leben und die Forschung eifrig um ihn herum, aber natürlich bekam er dies nicht mit. Man schob seinen Körper in Röhren, durchleuchtete sein Gehirn, verwundert über so wenig Aktivität – die es natürlich weiterhin gab, denn wie sollte sonst sein Herz weiter schlagen oder seine Lungen weiter Luft holen – man untersuchte sein Blut, seine Vitalwerte, sogar seine Haare wurden analysiert, aber kein Ergebnis lieferte die Erklärung zu seiner inneren Abwesenheit. Dann, nach Wochen erst, begann er sich bruchstückhaft wieder zusammenzusetzen. Zunächst verwandelte sich das Nichts in einen Nebel. Nicht aus Luft oder Gas, eher wie ein vorbeiziehendes Geräusch. Der Nebel war weder weiß noch grau, weder dicht noch durchlässig. Aus dem Nebel schälten sich Formen, später Bilder, und schließlich kamen Töne dazu. Stimmen, die sich flüsternd über ihn zu beugen schienen, Wörter, die keine Bedeutung für ihn hatten, aber lustig klangen. „Somnambulismus“, „kritischer Faktor“, „Schmerzrezeptoren“. Schließlich drang ein stetig wiederholter Satz in sein Unterbewusstsein und weckte seine Neugier: „Wach auf, Anonymus“. Es war immer die gleiche Stimme, die diesen Satz sprach. Jung und rauchig, ein tiefer weiblicher Bass, verlockend und streng zugleich. Wem diese Aufforderung galt, erschloss sich ihm nicht, doch je öfter er den Satz hörte, um so mehr wünschte auch er sich, dieser „Anonymus“ würde erwachen, und er wunderte sich, wer dieser Mensch wohl sei, der offensichtlich einen so hervorragenden Schlaf hatte. Der Satz versetzte ihn in Aufregung. Zum einen die Stimme, zum anderen der nun beginnende Unmut, dass „Anonymus“ so stur die Aufforderung verweigerte, dass er schließlich seine Augen öffnete, um nachzusehen, was da los sei.

Ein Gesicht, wie das von Disneys Schneewittchen, lächelte ihn an und offenbarte dabei einen fehlenden Schneidezahn, was Schneewittchen einen verwegenen und abenteuerlichen Ausdruck verlieh. „Endlich“, sagte sie und lächelte noch breiter. Gerne hätte er geantwortet, was aber nicht ging, da seine Stimmbänder versagten und nur durch heftiges Geräuspere in Schwung gebracht werden konnten. Schneewittchen beeilte sich, die Rückenlehne des Bettes, in dem er sich befand, hochzuklappen, und wartete dann geduldig, bis er seine Stimme wiederfand, was er ihr mit einem schlichten „Hallo“ mitteilte.

„Hallo“, antwortete Schneewittchen. „Ich heiße Inge.“

Er sah sich um. Ein weißes Patientenzimmer, gegenüber vom Bett ein Blumenposter, rechts von ihm ein Fenster. Dahinter ragte ein Gebäudeturm empor mit unzähligen Scheiben, die nichts von dem, was sich dahinter verbarg, preisgaben.

„Wissen Sie, wer sie sind?“, fragte Inge-Schneewittchen.

„Anonymus?“, antwortete er, denn dies wurde ihm klar, während er sich umsah. Inge nickte. „Und davor?“

Er schüttelte den Kopf.

„Wissen Sie, wie Sie hierhergekommen sind?“

Er wollte wieder den Kopf schütteln, entschied sich dann aber, mit den Schultern zu zucken. Nicht gleich langweilig sein, variieren, um Schneewittchens Interesse zu behalten. „Wissen Sie es?“, fragte er zurück. „Ich weiß es“, antwortete Inge, „aber ich möchte wissen, was Sie wissen.“

„Ich weiß nichts, außer, dass ich nichts weiß. Sie sind meine erste Erinnerung.“

Inge zeigte wieder ihre Zahnlücke, und sein Herz wurde warm. Er fühlte sich wie ein Entenjunges, das als erstes den Familienhund erblickte und glaubte, es sei seine Mutter. Oder war es die Katze? „Tom und Jerry“, sagte er. Schneewittchen sah ihn erstaunt an. „Mir kamen Tom und Jerry in den Sinn.“

„Zeichentrickfiguren.“

„Ja.“

Sie schauten einander an. Inge war ihm vertraut, was ihm aber nicht verwunderlich schien, schließlich war sie der erste Mensch in seinem Leben.

„Ist dies das Ende oder ein Anfang?“, fragte er.

„Das liegt in Ihrer Hand.“

„Ich kann mich an nichts erinnern, das ich vermissen könnte.“

„Dann ist es ein Anfang“, sagte Inge entschlossen. „Wie möchten Sie heißen?“

„So, wie es Ihnen am besten gefällt.“

„Nick. Es ist mein Lieblingsname.“

„Nick“, sagte Nick. „Dann habe ich heute Geburtstag. Welches Datum haben wir?“

„18. April, 1985.“

„Dann ist dies der erste Tag meines Lebens.“

Inge nickte. Zufrieden. Lächelnd. „Ich muss los“, sagte sie plötzlich. „Meine Schicht ist zu Ende.“ An der Tür wendete Inge sich noch einmal zu ihm um. „Ich komme wieder.“

Er nickte und wunderte sich darüber, dass Krankenschwestern keine Kittel mehr tragen. Irgendwie war ihm, als müsste es so sein. Im Hinausgehen griff Inge sich eine Tasche von Tisch. Braunes, abgegriffenes Leder. Eine Erinnerung blitzte in Nick auf. Er sah Inge nach. Die Tasche baumelte von ihrer Hand. Eine Bilderfolge lief vor Nicks innerem Auge ab: Tasche, Schule, Akte. Gleichzeitig befiel ihn eine schwere Müdigkeit. Sein Geist griff nach den Bildern. Tasche, Schule, Akte, Schüler, Studenten. Er begann wegzusacken. Schule, Akte, Schüler, Studenten, Labor. Nick schloss die Lider und konzentrierte sich nur noch auf die Bilder in seinem Kopf, die flüchtig waren, wie Gas, Studenten, Labor, Versuche, Somnambulismus. Runter, runter in die Tiefe. Wo ist Schneewittchen? Labor, Versuche, Somnambulismus, kritischer Faktor. Schlaf. Ein letztes Aufbäumen, danach war Nick alles egal.

 

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