Work in Process – GL Trilogie

Ich laufe jetzt zum fünfzehnten Mal um den Bewegungsplatz. Nicht denken, nicht fühlen. Mein Herz schlägt in dem gleichen Rhythmus mit dem meine Füße die rote, leicht elastische Bahn rund um den Platz berühren. Ich habe vergessen meine Haare zusammenzubinden, die mir nun schweißnass an Kopf und Schläfen kleben. Nicht denken, nicht fühlen. Zum x-Mal passiere ich den etwa zehnjährigen Jungen an der Stirnseite der Bahn, der auf einem einfachen Holzstuhl sitzt und einen monotonen Trommelrhythmus schlägt. Seine kurzen Beine reichen kaum von der Sitzfläche bis zum Boden und er trägt trotz der kühlen Abendluft kurze Sporthosen. War er auch laufen? Soll er ins Bild passen? Was für ein blöder Gedanke. Als wenn ein Kind, in Sporthosen und mit einer Trommel auf dem Schoß, irgendwo hinpassen würde. Aber warum darüber nachdenken, dafür bin ich nicht hier. Nicht denken, nicht fühlen. Meine Waden haben sich in Stein verwandelt, im Brustkorb sticht es. Ich laufe noch schneller und fordere den Schmerz heraus. So war es immer gewesen, so wird es immer sein. Nachdem ich überfallen wurde, war es mein angebrochenes Handgelenk, dass mich bei Verstand hielt, als ich im Wald um Juls Leben bangte, war es die schwere körperliche Arbeit, die diese Aufgabe übernahm. Jul. Nein, ich will nicht. Nicht denken, nicht fühlen. Wie lange muss ich im Kreis laufen, damit endlich auch das Denken aufhört? Das Laufen hat den gleichen Effekt, wie das Mournen in der Gemeinschaft, dem stundenlangen Sitzen in einer Kuhle und dabei Summen: nämlich keinen. Mein Kopf wird nicht frei. Im Gegenteil er verstopft unter Erinnerungen, Fragen, Grübeleien. Ich habe die Flucht überstanden, den Wald, die Gemeinschaft, den Anführer der Puppenfamilie, und bin doch nur ein Spielball. Resigniert verlangsame ich meine Schritte und komme schließlich zum Stehen. Mit starken Seitenstichen stütze ich mich auf meine Knie, dabei hechelt und rasselt mein Atem. Der Junge legt die Trommel beiseite und kommt zu mir herüber. »Brauchst du Hilfe?« Schweiß rinnt von meiner Stirn in meine Brauen und bleibt da hängen. Schwer atmend sehe ich den Jungen an. »Nein, geht schon.« Er rührt sich nicht vom Fleck und beobachtet mich mit leicht besorgtem Gesichtsausdruck. Vermutlich bleibt er dort stehen, bis ich irgendetwas tue.

»Wie heißt du?«

»Tjaard.«

»Sitzt du da immer?« Meine Worte kommen stoßend, wie aus einem alten Auspuff.

»Nur einmal die Woche, wir arbeiten in Schichten.«

»Also immer, wenn jemand läuft, schlägt jemand einen Rhythmus?«

»Außer, der oder die Läufer wünschen es nicht.«

»Warum?«

Tjaard lächelt. »Hast du es nicht gefühlt? Es bringt den Läufer in den Fluss.« Obwohl ich das nicht bestätigen kann, nicke ich. »Doch, natürlich. Danke, Tjaard.«

»Gerne, Lore.« Gemächlich geht er. Ich schaue ihm lange nach und frage mich, woher er meinen Namen kennt.

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