A page a day, Part 4

Als Inra später bei Mark im Arm liegt, ein Ritual, dass sie sich über die Jahre bewahrt haben, fühlt sie sich schuldig. Ihr scheint es, als verzichte er auf so viel und sie auf gar nichts. Fünfzehn Jahre sind sie nun ein Paar und Mark war immer für sie da. Hat sie aufgefangen nach dem Tod ihrer Eltern, hat sich nie gehen lassen und sieht immer noch gut aus mit seinem wuscheligen braunen Lockenkopf und auch das bisschen mehr Gewicht steht ihm gut. Schnarcht nicht, sowie andere Männer in seinem Alter, hat sie nie betrogen. Glaubt sie zumindest. Während sie erst ein Jahr getrauert, dann ein Jahr herumgereist ist, ewig keine Aufgabe und keinen Job fand, ihm keine Kinder schenkte. Und nun ist es zu spät. Welche vernünftige Frau wird mit fünfundvierzig schwanger? Scheißegal, dass sie zehn Jahre jünger aussieht (zumindest das hat geklappt – auch sie hat sich gut gehalten. Wobei, keine Eigenleistung hier). Da drin ist sie fünfundvierzig. Das sagen ihr die spontanen Schweißfontänen, die Gemütsschwankungen und Schlafstörungen. Bald kann sie also keine Kinder mehr kriegen, vielleicht noch fünf Jahre, dann war’s das. Ob dann das schlechte Gewissen aufhört? Oder Mark sie dann verlässt? Einen Moment wird Inra übel bei dem Gedanken. Wer außer Mark soll sie denn ertragen können?
An seinem gleichmäßigen heben und senken des Brustkorbs bemerkt Inra, dass Mark eingeschlafen ist. Leise windet sie sich aus seinem Arm und steht auf. Ihre Nacht wird eine kurze, so wie viele in den letzten paar Monaten.
In der Küche wärmt sie sich etwas Milch auf und gibt Honig dazu, was angeblich bei Schlaflosigkeit Wunder wirken soll, aber null Komma nullnull Wirkung auf Inra hat, aber sie mag den Geschmack. Mit der Milch setzt sie sich an den Tisch, auf dem noch immer der Ordner liegt. Sie klappt ihn auf und bemerkt auf dem ersten Blick, dass er geöffnet wurde. Der Klick-Verschluss ist fest auf das Deckblatt gepresst, etwas was Inra aus Bequemlichkeit nie tut. Es behagt ihr nicht, dass Mark ungefragt an ihre Sachen geht, auch wenn sie sich eingestehen muss, dass in Kürze die ganze Welt ihre Arbeit im Internet lesen kann, wenn sie diese noch verteidigen darf, denn nebst Publikation auf Papier ist es längst üblich alles online zu stellen. Trotzdem: noch ist es ihre Arbeit, ihr „work in progress“, ihr nie geteiltes zweites Leben. Als Mark in das eine Leben davon, dem B-Leben wie Inra es nennt, trat, waren ihre Eltern bereits tot und der Ordner in einem Schrank verstaut. Inra hatte beschlossen nicht zurückzublicken und mit dem alten, dem A-Leben, abzuschließen. Durch Zufall erfuhr sie von dem Notstand in dem Seniorenheim und das selbst ungelernte dort Arbeit fanden. Alte Menschen pflegen und ihnen eine Ersatz-Tochter sein, schien Inra damals eine gute Idee. Sie war alleine, die meisten der Alten waren alleine. Eine win-win Situation. Mark war als Pfleger in dem Heim angestellt, und so kam sie nicht nur zu einem neuen Beruf, sondern auch zu einem Freund, der erste, der blieb, selbst als der Lack ab war. Männer zu bekommen, war nie Inras Problem, sie zu halten schon. Geblendet von ihrem „Käthe Kruse Puppen“ Aussehen, war es für alle vor Mark eine Riesenenttäuschung festzustellen, dass Inra mehr der verschrobene, launige Professor-Typ war. Da half es auch nichts die rot-blonden Haare kurz zu schneiden, ihre Augen waren immer noch kullerrund und blau, ihr Gesicht immer noch breit und nah am Kindchen-Schema dran. Mark aber schreckte Inras Art nicht. Im Gegenteil, er nahm sich ihrer an, wie ein interessantes, exotisches Objekt, dass man irgendwo im Urwald aufgegabelt hat. Und so behandelt er sie oft heute noch. Nur selten zeigt seine bedingungslose Liebe Risse, so wie bei dem Kinder-Thema.
Inra lehrt ihren Becher und überlegt, ob sie zur Abwechslung mal Wein trinken sollte. Sie steht auf und sieht im Kühlschrank nach, kann aber keinen Wein oder sonstigen Alkohol entdecken. Wann hat Mark aufgehört Alkohol zu kaufen? Sie schließt den Kühlschrank wieder und sieht sich in der halbdunklen Küche um, in dem nur etwas Licht aus dem Flur fällt. Wo sind die fünfzehn Jahre zwischen dem Absturz und jetzt geblieben? Wo ihre „besten“ Jahre? Plötzlich scheint es Inra, als habe ihr Leben einfach an dem Tag vor fünfzehn Jahren gestoppt, einen neuen Film eingelegt und den anderen achtlos liegen lassen. Aber es ist noch nicht zu spät. Sie kann noch das Leben weiter führen, das eigentlich für sie gedacht war. Entschlossen lässt sie sich wieder vor dem Ordner am Tisch nieder. Schlägt ihn auf und beginnt zum zweiten Mal an diesem Tag ihre Arbeit zu lesen. Spürt wie die Energien zurückkehren, wie eine Armee kleiner Fruchtfliegen, die sich um ein altes Stück Obst scharen. Die Nächte waren immer ihre Zeit, früher. Auch die Doktorarbeit entstand hauptsächlich Nachts. Die Zeiger der Uhr drehen sich rückwärts. Inra vertieft sich in den Text und sieht erst wieder auf, als vor dem Fenster langsam die Sonne am diesig blauen Dezember Himmel aufsteigt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s