Fragment / GELOBTES LAND

Unter meinem Fuß knackt es. Alarmiert halte ich inne und blicke nach unten. Auf dem staubtrockenen Boden liegt ein zerbrochener Zweig. Der Sturm letzte Woche muss ihn herübergeweht haben. Es ist das erste Mal, dass ich außerhalb eines Marktages in das geräumte Dorf komme und das Herz schlägt mir bis zum Hals. Manchmal suchen die armen Leute in den leeren Markthallen nach Resten; nach Getreidekörnern am Boden oder vergammeltem Gemüse mit einer ordentlichen Ecke. Ich bleibe stehen und sehe mich sorgsam um. Links des ausgetretenen Weges, der früher eine Teerstraße war, stehen ein paar krumme Buchen, deren wenige Blätter vertrocknet sind und sich verzweifelt an den dürren Ästen festklammern. Rechts vor mir, gleich in der ersten Häuserreihe des Dorfes, steht die Stallung G1-B. Die alten Gebäude sind mit Nummern versehen, damit jeder weiß, wo er welche Waren finden kann. In G1-B sind die Getreidebauern und damit auch unser Stand. An Markttagen dringt schon von Weitem das Stimmengewirr aus dem Stall, wenn jeder versucht, Münzzahler anzulocken – reiche Menschen, die mit echtem Geld bezahlen, statt andere Waren zu tauschen. Münzen bedeuten eine Fahrt in die Metropole, der einzige Ort an dem man Treibstoff und Batterien kaufen kann. Ich kann an einer Hand abzählen, wie oft wir Münzzahler an unserem Stand hatten. Aber reisen durfte sowieso nur Harold, egal, wie viel wir bettelten. »Ist nix für Mädchen«, pflegte er zu sagen, und mein Bruder Jame war noch zu klein. Bei dem Gedanken an meine Familie pumpt das schlechte Gewissen durch meine
Adern. Ich dürfte nicht hier sein. Mein Platz ist heute in der Kornkammer, während meine Mutter Lida mit meinen Schwestern Lives und Kieno das letzte Getreide einholt und Mari die Wascharbeiten erledigt. Aber die einsame Arbeit in der Kornkammer ist die einzige Möglichkeit, mich unbemerkt vom Hof zu schleichen. Und das ist es, was ich will. Also gehe ich weiter auf G1-B zu, bedacht darauf mit meinen unförmigen Kautschukstiefeln keine Geräusche zu machen oder vor Furcht zu stolpern. Meine Handflächen sind feucht und ich wische sie mir an meiner dünnen Sommerhose ab. Es ist viel zu warm für die Jahreszeit, immerhin schon Ende November, der Herbst hat dieses Jahr wohl beschlossen auszusetzen. Doch das ist nicht der Grund für meine feuchten Hände und es nützt nichts, mich selber anzulügen. Von dem dunkelgrünen Eingangstor von G1-B leuchtet mir das alte Blechschild entgegen, dem ich bis vor wenigen Monaten keine Aufmerksamkeit schenkte, weil es für mich bedeutungslos war.

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