Tag 3 – a page a day

Später, als Inra neben Mark im Bett liegt, kreisen ihre Gedanken noch immer um den Tod. Mark, der dies nicht weiß, lässt seine Hand zu ihrem Bauch wandern und dreht dort mit Zeige- und Mittelfinger kleine Kreise. Mark, lebendig. Eindeutige Merkmale: Warme Hauttemperatur (das Blut zirkuliert also), Bewegung (wobei das auch Nerven-Reflexe sein könnten – siehe Hühner, die trotz abgeschlagener Köpfe fliegen), und haptische Wahrnehmung (zieht Inra den Bauch ein, hält Mikes Hand kurz inne, um zu erfassen, ob dies Ausdruck von Unwillen sein könnte). Marks Wahrnehmung gibt ihm das Signal, dass seine Fingerkreise erwünscht sind, feststellbar daran, dass er sogleich den Kreis des Ertastens erweitert. Mittel- und Zeigefinger fahren mit leichtem Druck südwärts, entdecken mühelos was sie suchen und verharrt dort. Ein meisterlicher Trick, der Inra selbst wenn sie todmüde (da ist es wieder der Tod), verärgert oder schlicht lustlos ist in kürzester Zeit zu einem willigen Körper werden lässt. Sie liebt es tot zu spielen (Ja. Ja!) und sich von Mark „widerwillig“ zum Leben erwecken zu lassen. Marks Finger liegen weiter reglos unterhalb Inras Schambein, wo es ganz von alleine warm wird und zu puckern beginnt. Definitiv nicht tot. Weder sie, noch Mark. Inras Gehirn ermattet langsam – Gott sei Dank, denn das ewige Gedankenkreisen ist fast genauso nervig wie Smalltalk auf einer Party – da alles Blut nun an anderer Stelle gebraucht wird.

Mark liegt auf Inra. Was er will, ist nicht das gleiche, wie sie. Mit jedem Beischlaf hofft er auf ein Wunder. Er liebt sie, aber noch mehr würde er sie lieben, wenn sie eine Familie wären. Sie ihm ein Kind schenkt. Er hat das Thema seit Jahren nicht mehr angesprochen, aber sobald Mark sich auf Inra rollt, ist ihr, als leuchte der Vorwurf auf seiner Stirn auf. Früher hielt er die Augen offen, wen sie miteinander schliefen, heute kneift er sie zu und taucht in eine Welt ab, in die er sie nicht mitnimmt. Inra ist ihm nicht böse, denn er achtet immer darauf, sie erst zu verführen, und auch, dass sie kommt, doch manchmal fühlt sie sich in dieser körperlichen Nähe so fremd, als haben sie sich nur für den Sex verabredet, ohne sich Richtung zu kennen. Was praktisch so etwas wie ein Tinder-Date wäre? Inra muss lachen und Mark stoppt in seiner rhythmischen auf – und ab Bewegung. Tatsächlich öffnet er sogar die Augen. „Was?“
„Tinder“, antwortet Inra.
„Tinder wer?“, fragt Mark. Er sieht ehrlich ratlos aus.
„Du bist zu gut für diese Welt.“
Irritiert blickt Mark sie an. „Schon gut, mach nur weiter“, flüstert sie, plötzlich erfüllt mit Herzenswärme.
„Bist du schon gekommen?“
„Mhm“, schüttelt Inra den Kopf, was gelogen ist. Mark schließt beruhigt die Augen.

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