Tag 2

In ihrer kleinen Stadtwohnung schleudert Inra ihre Schuhe von den Füßen, geht auf Strümpfen weiter in die Küche, holt eine Tüte Orangensaft aus dem Kühlschrank, den sie offen stehen lässt, hockt sich aus der Packung trinkend vor den alten Sekretär, den Mark auf dem Sperrmüll gefunden und im Keller restauriert hat, und holt einen dicken LEITZ-Ordner heraus, den sie seit fünfzehn Jahren nicht mehr zur Hand genommen. Abgesehen von Aufräumaktionen vielleicht. Ein zerfledderter Aufkleber haftet noch mühevoll an der Seite und trägt die mit Edding geschriebene Aufschrift: Dissertation. Mit Ordner und Safttüte kehrt Inra in die Küche zurück, kickt mit einem Ellbogen die Kühlschranktür zu und setzt sich an den Tisch, den Ordner ungeöffnet vor sich. Sie atmet ein, atmet aus, trinkt noch einen Schluck. Schlägt die Klappe des Ordners auf, starrt auf das Deckblatt. Oben rechts das Logo der Universität Lübeck mit dem merkwürdigen klapperigen Holzboot in der Mitte und seiner Besatzung, zwei Männern und zwei Hunden. Im Blattzentrum dann DISSERTATION, darunter das Thema: Gehirntod, das Ende des Lebens? Verfasserin Inra Grübchen, angestrebter akademischer Grad Doktor der Medizin. Am Fuß des Blattes noch die Studienkennzahl laut Studienblatt, das Dissertationsgebiet laut Studienblatt (Rechtsmedizin), so wie die betreuende Dozentin: Universitätsprofessorin Dr. Erika Grübchen. Inras Mutter. Abgestürzt mit einer Boeing 747 über dem Atlantik auf einer Rückreise von Kanada, gemeinsam mit ihrem Vater, Prof. Dr. Gernot Grübchen, ebenfalls Mediziner, allerdings noch im praktischen Bereich damals tätig. Wenn nur ihre Mutter gestorben wäre hätte Inra ihre Dissertation vielleicht noch verteidigt, wenngleich sicher auch verschoben. Da jedoch mit ihrer Mutter auch ihre Doktormutter mit dem Absturz verstarb, verließ Inra jeglicher Ehrgeiz ihre medizinische Karriere weiter zu verfolgen. Mit dem fehlenden Vater saß ihr ja auch kein schlechtes Gewissen mehr im Nacken, das sie anderweitig überzeugen hätte können.

Ein Schlüssel dreht sich in der Haustür und kurz darauf steht Mark in der Küche, beide Arme mit Papiertüten bepackt, aus denen verschieden Einkäufe ragen. „Sellerie-Auflauf.“ Flüchtig schaut Inra auf. „Hä?“
Mark stellt die Tüten vor dem Aktenordner auf dem Tisch ab. „Unser Abendessen.“
„Ich wusste nicht, dass man aus Sellerie einen Auflauf machen kann“, antwortet Inra.
„Du weißt vieles nicht mein Schatz, besonders dann nicht, wenn es in der Küche stattfindet.“
„Ich weiß, wo der O-Saft steht.“
„Zum Glück, denn wie würdest du sonst an Vitaminen kommen?“ Mark drückt Inra einen Kuss auf die Stirn und linst auf den offenen Ordner. „Oh“, sagt er.
„Oh, was?“, fragt Inra.
„Oh, du willst es also wirklich tun.“ Mark beginnt die Einkäufe auszupacken und öffnet den Kühlschrank.
„Das weißt du doch.“ Schlagartig ist Inra genervt. Mark ordnet schweigend Gemüse ins Gemüsefach. Tomaten links, Gurken an der Rückwand der Lade, Kräuter in ein feuchtes Tuch an die rechte Seite. „Was stört dich daran?“
„Nichts.“ Mark verfrachtet Butter auf Regalfach eins, das ist das untere. Die anderen heißen Regalfach zwei, drei und vier, von unten aufsteigend.
„Es ist meine Beruf“, verteidigt sich Inra. Acht Jahre Studium schmeißt man doch nicht einfach weg. Mark wendet sich zu ihr um. „Schon gut mein Schatz, es ist nur so, dass du fünfzehn Jahre lang genau der gegenteiligen Meinung warst.“
„Ich habe meine Meinung eben geändert.“
„Offenbar.“
Mark ist fertig mit dem Auspacken der Lebensmittel, aber hantiert weiter an dem Kühlschrank herum. Inra unterdrückt den Wunsch ihn raus zuschicken.
„Soll ich dich abfragen?“
„Ich habe den Ordner gerade erst aufgeschlagen“, murrt Inra. „Später vielleicht“, fügt sie etwas freundlicher hinzu. „Danke.“ Ein freundliches Wort mit letzter Kraft. Beleidigt verlässt Mark die Küche.
Inra kann sich nicht konzentrieren. Was ist bloß mit ihr los? Mark hat ihr nichts getan, er schnarcht nicht, kauft ein, kocht, und trotzdem nervt sie seine bloße Anwesenheit. Erschrocken hebt sie den Kopf. Liebt sie ihn etwa nicht mehr? Durch ihr plötzlich heftig schlagendes Herz lauscht sie in das Dickicht ihrer Gefühle. Chaos. Unmut. Eine unbestimmte Angst, oder ist es Sorge? Da! Ganz da unten, tief unter den Schlingen glimmt etwas. Erleichtert atmet Inra aus. Doch, sie liebt ihn noch, wenn auch gerade etwas verschüttet. Es wäre dumm Mark zu verlieren. Soweit sie beurteilen kann, ist er der einzige Mensch, der es lange mit ihr aushält. Und wenn man es genau nimmt, ist er der einzige, mit dem sie es lange aushält. Alle anderen sind Inra suspekt. Nervend. Noch nervender als Mark zurzeit. Ziellos am Plappern, sporteln, sich optimieren, nach Ruhm hecheln. Smalltalk lässt Inra verstummen und bei Diskussionen regt sie sich so auf, dass niemand mehr freiwillig mit ihr diskutiert. Bei den Alten fühlte sie sich wohl, auch wenn ihr deren ewiger Lobgesang auf die bessere Vergangenheit manchmal auf den Keks ging. Aber auch das ist jetzt vorbei. Inra weiß noch nicht, wann sie Mark sagen soll, dass sie gekündigt wurde. Weil sie zu langsam arbeitet. Darauf muss man erst mal kommen, dass man jemanden zu langsam den Hintern abwischen kann. Wahrscheinlich steckt Helene dahinter. Eine einsame, verbitterte Frau, die es nicht ertragen kann, wenn die Alten ihr jemanden vorziehen. Und das haben sie. Wollten lieber einen Plausch auf dem Klo halten, als einen Geschwindigkeitsrekord beim Stuhlgang aufzustellen.
Inra schaut wieder auf den Titel Ihrer Dissertation. Die Frage ist, ob die meisten das Ende des Lebens nicht auch schon ohne Gehirntot erreichen. Ist ihr Thema überhaupt noch aktuell? Inra schlägt das Deckblatt um und beginnt den Einführungstext zu lesen, der die Fragestellung unterstreicht. Was ist der Tod und wann genau setzt er ein? Die These, das der Tod mit dem Ende des Herzschlags eintritt, ist seit langem überholt, aber ist der Mensch tot, wenn sein Gehirn stirbt? Oder schon davor, oder gar danach? Was ist mit Nahtod-Erfahrungen? Was mit dem Lama Dorzho Itigilow der eigentlich seit 1927 tot ist, aber nicht verwest, weiche Gelenke hat und ab und zu Mund und Augen öffnet? Tot, lebendig, oder extrem-meditierend?
Inra erinnert sich an die unschönen Auseinandersetzungen mit ihrem Vater, der ihr Thema zu philosophisch und zu wenig medizinisch fand. Gerne würde Inra ihn nun da er tot ist, nach seiner aktuellen Meinung dazu befragen.
Zweiter Teil der Frage Hauptfrage ist, wann die Seele den Körper verlässt, oder sich in Luft auflöst, oder was auch immer. Gängige Meinung: die Seele ist im Grunde nur ein Zusammenspiel chemischer Prozesse, die, wenn das Gehirn stirbt, kurze Zeit später versiegen. Beweise? Keine.
Die Fragestellungen und das Thema gefallen Inra noch immer. Da noch keine Zufrieden stellende Erklärung für die genannte Phänomene gibt, bleibt der Inhalt dieser Arbeit also aktuell. Sie überfliegt den Rest des Themas und beginnt sich in die Arbeit hineinzulesen, die sie seit fünfzehn Jahren begraben glaubte.

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